Aus meinem Alltag: Die Tür, die alles veränderte

Von Alexander Kaluschnik

Und da stand ich nun – vor der Tür, die alles verändern sollte. Ich war ein junger Mann im Alter von Fünfundzwanzig Jahren, der sich gerade noch zu entscheiden hatte, was er denn mit seiner Zukunft anzustellen vermag. Ich war der eine von hundert, der in dieser Gesellschaft Fuß zu fassen versuchte, doch immer von dem Gefühl begleitet wurde, dass er mit konventionellen Möglichkeiten nichts anfangen konnte. Ich sollte eine Ausbildung machen, hatte sie gesagt, dann solle ich dafür sorgen, „Dass ich es guthabe.“ – meine Mutter, natürlich. Es war noch nie in meinem Ermessen, das zu tun, was andere von mir verlangten – denn das eigene Leben ist eine Sache, die jeder selbst in die Hand nehmen muss – oder nach der helfenden eines anderen Menschen greifen.

Mit meinen, nun ja, „Alltagsklamotten“ verließ ich die Unterführung und ließ meine Augen über den Platz schweifen. Mein Verstand war abwesend und damit beschäftigt, die Lage genauestens zu untersuchen – denn es sollte ja niemandem auffallen, dass ich mich verloren fühlte, obwohl der Supercomputer in meinen Händen mir genauestens sagte, in welche Richtung ich den nächsten Schritt zu setzen hatte. Sitzbänke bewaffnet mit sitzenden Menschen, Ein Café, welches sich mit Kaffeetrinkern schmückte und ein Brunnen, der, sind wir mal ehrlich, so gar nicht dorthin passt. Die samtige Färbung des Pflastersteins versprach mir jedoch eine angenehme Anreise.

Störrisch setzte ich einen Fuß vor den anderen. An die Präsenz des Smartphones in meinen Pranken hätte ich mich liebend gern erinnert, mein Kopf hatte aber andere Pläne. Immer weiter lief ich umher und spürte, wie meine Gedanken ins Bodenlose abzudriften drohten. Ich fühlte mich wie ein Lamm auf einer Weide, dass seine Eltern aus dem Blick verlor und nun nicht mehr wusste, was es eigentlich tun sollte. Doch gerade als die Last der Großstadt ihr nächstes Opfer fordern wollte, hörte ich eine vertraute Stimme, die nach mir rief. So gleich fuhr ich um – und blickte in die Augen einer mir sehr bekannten Person. Ein warmes Lächeln empfing mich und bat mich, doch herüberzukommen, was ich ohne Umschweife tat.

Und, wie schon zuvor angedeutet, da stand ich nun – vor einer offenen Tür, deren Durchschreiten mich für immer verändern würde. Was ich zu verlieren hatte?

Nun, nichts. Es war eine Chance, notwendige Professionalitäten zu erlangen, unabdingbar für meine Zukunft – das Thema war ein Schreibworkshop und die Feder, deren Meisterung ich schon nun seit dreizehn Jahren anstrebe, mein stetiger Begleiter. Ob in der Schule oder auf der Arbeit – wann immer ich durchatmen wollte, wann immer ich glücklich oder traurig war, erschöpft oder vor Kraft nur so strotzend, sie war immer da. Dieser Leidenschaft nachzugehen und meinen Traum zu verwirklichen? Wie ich bereits sagte, es gab nichts zu verlieren. Es gab keine Niederlage, nur ein Sieg schwebte in der Luft – ich konnte ihn förmlich schmecken.
Mein erster Schritt fühlte sich normal an, genau wie mein zweiter, dritter und gar vierter. Es war ja auch nichts weiter als ein kleiner Durchgang, welchen ich nun verließ. „Es wird sowieso niemand hier sein.“, dachte ich mir, „Ich kann praktisch wieder um…“ Doch weiter kamen meine Zweifel nicht. Als ich den Durchgang erfolgreich durchschritten hatte, sah ich die Menge an Leuten, die meine große Leidenschaft teilten. Ich fühlte mich noch nie so zu Hause wie an diesem Ort. Aber das war erst der Anfang.
Lächelnd und vor allem schüchtern hatte ich nun den Raum betreten und mir war klar, dass ich mich vorzustellen hatte. Die Gedanken waren verschwommen und die Angst, mich zu blamieren, drückte auf meine Stimmbänder. Als wäre mir die Kehle zugeschwollen sah ich dabei zu, wie mir diese höchst unangenehme Tätigkeit abgenommen wurde, ausgeführt durch jene Person, die mir Einlass gewährte und mich überhaupt auf diesen Ort aufmerksam machte. Es dauerte nicht lange, bis ich mich wohl fühlte und wusste, dass der heutige Tag noch etwas für ich bereithielt. Doch was? Raten hätte mir nichts genützt, denn ich wäre niemals darauf gekommen.
Mein Blick fiel auf den Mann im Raum, dessen Gehfähigkeit durch einen Unfall eingeschränkt war. Sein prägnantes Lächeln zog mich sofort in seinen Bann und ich hörte kurz darauf, dass er derjenige war, welcher diesen Kurs zu leiten vermochte. Schüchtern und stumm nickte ich dem zu und setzte mich hin. Ich war damals noch nicht, wer ich heute bin, und das ist auch gut so. Denn sonst wäre dieses Schicksal niemals so geworden, wie es das jetzt ist, nicht?
Der Kurs begann – und die Anspannung war hoch. Ich dachte, es sei der erste Termin, doch es war der zweite! Was hatte ich verpasst? Könnte ich mithalten? Als ich meine Selbstzweifel abschütteln konnte, da hörte ich von einer Schreibübung, die wir vorlesen würden – und all die Sicherheit, die ich mir bis gerade noch zusammengetragen hatte, fiel zusammen wie ein Kartenhaus in einem Orkan. Ich schluckte schwer und hatte Angst, niemandem würde gefallen, was ich schreiben würde. Ich hatte zwölf Jahre an meinen Schreibkünsten gefeilt – dass alles nur, um jetzt enttäuscht zu sein? Nein! Das würde ich mir nicht bieten lassen.

Die Übung begann, und ich schrieb… und schrieb. Meine Handbewegungen waren so flüssig wie Wasser und erinnerten mich daran, welcher Mensch ich einst war – vor diesem ganzen Theater. Bevor ich aufgeben sollte, wer ich wirklich war und Träume jagen sollte, die nicht die meinen waren. Wie gut es sich anfühlte, taste nach Taste zu drücken und zu spüren, wie sie mir Rückmeldung gab, sich meinem Finger widersetzte und doch gleichzeitig ausführte, was ich ihr abverlangte. Wie das Blatt, auf dem ich schrieb, immer voller und voller wurde, bis letztendlich kein Platz mehr war. Und als die Uhr ihre letzte Minute schlug und der letzte Buchstabe, geformt aus Nullen und Einsen seinen rechtmäßigen Platz auf den Pixeln des Laptop-Bildschirms einnahm – da spürte ich etwas, von dessen Existenz ich nicht einmal mehr geträumt hatte: Freiheit. Die Umarmung des Windes, der die Haarwurzeln liebkost. Die zauberhaften Klänge eines plätschernden Regens. Die Berührung eines Menschen, der einen zum lächeln bringt, egal, wie man sich gerade zu fühlen vermochte. Freiheit. Unkonditionelle, wohlige und heimatliche Freiheit.
Das war der Rausch an Euphorie, der zu mir passte wie eine Rabenfeder auf einen Herrenhut. Doch all dies war nichts im Vergleich zu dem, was ich empfand, als man mir sagte, ich sei mit Vorlesen an der Reihe. Ich nahm meinen Laptop in den Arm, entschied mich, nach meinen bisherigen Erlebnissen der Angst Lebewohl zu sagen – und las vor.
Statt Zweifel in meiner Stimme entdeckte ich zu meiner Überraschung eine kindliche Freude. Ich las und las, bis das letzte Wort über meine Lippen gelangt war. Der vorherige Rausch an Dopamin war ein Witz gegen das, was ich gerade empfand. Jetzt, so wusste ich, war es Alles oder Nichts. Wenn es niemandem gefallen würde, so würde ich den Stift niederlegen, ein für alle Male. Denn auch wenn es mich glücklich machte… wenn ich niemanden mit meinen taten berühren konnte, so waren sie für mich nicht von Bedeutung. Wenn ich niemandem zeigen konnte, was diese Worte für mich taten und sie für andere nur leere Silben waren, so war ich nicht dafür bestimmt.
Ich kniff die Augen zusammen und erwartete nichts. Doch als ich eine gähnende Leere begrüßen wollte – da vernahm ich einen Applaus, wie ich ihn noch nie zu hören bekam. Und ich wusste, dass diese Faszination war, wofür man mich schuf – und so schrieb ich weiter.
Heute sieht man mich auf Poetry Slam’s, kann meine Werke auf Websites begutachten und wer weiß, vielleicht ließt man meinen Namen eines Tages in jeder Bibliothek. Wäre ich nicht hier gewesen, so hätte ich niemals verstanden, wie es ist, andere Menschen tief zu begeistern. Wie es sich also anfühlt, durch die Tür zu schreiten, die alles verändert? Nun, ich könnte es dir sagen – aber du wirst es nicht verstehen können. Diesen Weg musst du selbst gehen – und die Tür, von der ich sprach, steht dir jederzeit offen. Hier am kleinen, unscheinbaren Karl-Bröger-Haus.