Früchte einer Flucht – Alles geht, wenn man es wirklich will

von Schekib

Mein Name ist Schekib Ghafoor, geb. 25.01.1998 in Erlangen und studiere aktuell im 5. Semester des Bachelorstudiengangs Medizintechnik an der Technischen Hochschule Georg Simon Ohm in Nürnberg. Ich bin der jüngste Teil einer vierköpfigen afghanischen Familie, bestehend aus meinen Eltern und meinem älteren Bruder. Als Kind afghanischer Migranten, habe ich dennoch eine recht moderne, westlich-angehauchte und emanzipierte Erziehung genießen dürfen. Trotzdem habe ich die afghanische Kultur miterlebt und verstehen können. Sie hat mich begleitet und weitestgehend geprägt.


Trotz des Migrationshintergrundes, vieler, auch bürokratischer, Rückschläge und der sprachlichen Barriere für meine Eltern, verspüren meine Familie und ich eine sehr starke Verbundenheit und Zugehörigkeit zu Deutschland.
Im Kindesalter war für mich diese Verbundenheit jedoch leider weniger greifbar. Dies lässt sich durch eine retrospektive Betrachtung meiner frühen Schulzeit gut erklären. Ich bin schon früh in der Grundschule und später auf der Realschule, durch viele Störungen, Konzentrationsschwierigkeiten und unruhigem Verhalten aufgefallen. Seltener durch konstruktive Unterrichtsbeiträge. Ein möglicher Grund für dieses Fehlverhalten wurde zwar durch damalige Lehrkräfte vermutet, jedoch habe ich statt Hilfe oder einer Problemlösung, immer wieder Disziplinarmaßnahmen erfahren. Diese Maßnahmen boten keinerlei Raum für Verbesserung in meinem Verhalten, sondern bestanden, meinem Unverständnis entsprechend, aus einer reinen Demütigung. Dies resultierte schließlich in einer schlechten Reputation an der Schule. Nicht nur von Mitschülern, sondern auch von zahlreichen Lehrern wurde mir ein Stempel aufgedrückt. Hinsichtlich dieser Tatsache war es für mich eine große Herausforderung Freunde oder Gleichgesinnte zu finden, was sich zu einer, psychisch, sehr belastenden Angelegenheit für mich entwickelte. Ohne unterstützende Freunde auf meinem schulischen Werdegang und entschlossene Lehrkräfte fiel es mir äußerst schwer motiviert und leistungsbereit zu sein.


Als sich meine Verhaltensauffälligkeiten immer mehr überschlugen, hatte sich das Lehrerkollegium, zum ersten Mal, mit einem möglichen Hintergrund meines Verhaltens aktiv auseinandergesetzt. Es drohte ein Disziplinarausschuss. Im Plenum kam es zu einem, rückblickend betrachtet, relativ fraglichen Entschluss. Dabei wurden, weder meine Ansichten, noch Gedanken näher beleuchtet. Der Entschluss lautete wie folgt: Meine Eltern sollten einen Neurologen aufsuchen, welcher verschiedene Untersuchungen, darunter einen Intelligenztest, an mir durchführen müsste. Diese recht ungewöhnliche Aufforderung sollte Aufschluss über meine kognitiven Fähigkeiten geben, da eine mögliche Unterforderung im Raum stand. Das Resultat meiner Untersuchung ergab, dass ich weit überdurchschnittlich begabt bin. Trotz diesem Ergebnis, welches die bisherige Vermutung hätte eigentlich stützten sollen, wurde kein Vorrücken in einer höhere Jahrgangsstufe veranlasst. Dementsprechend veränderte sich kaum etwas, sowohl in meinem Verhalten, als auch im Umgang der Lehrer mit mir. Für mich wurde die Schule zu einem unschönen Ort, welcher mir das Gefühl gab unerwünscht zu sein. Doch obwohl ich enttäuscht wurde, habe ich durch meine aufgeweckte, positive und glückliche Art viele Dinge optimistisch gesehen, was mir genug Kraft für die restliche Schulzeit spendete.


Nachdem ich die Realschule mit ausreichender Leistung absolviert hatte, bewarb ich mich für einen Ausbildungsplatz in einem Kfz-Betrieb. Mich zeichnete schon früh eine gewisse technische Affinität aus, welche ich nun zum Beruf machen wollte. Durch die Möglichkeit einer körperlichen Ertüchtigung, im Arbeitsalltag eines Mechatronikers, war ich erstmalig in der Lage ein ausgeglicheneres Verhalten zu zeigen. Dies gab mir die Motivation diesen Beruf zu meiner Leidenschaft machen zu wollen. Jedoch hatten die Arbeitsatmosphäre und die ausbeutende Haltung gegenüber den Auszubildenden dem entgegengewirkt. Im Laufe der Berufsausbildung wurde mir, durch die dort herrschenden Umstände, bewusst, dass das nicht der Beruf ist den ich in Zukunft
ausführen möchte und meine Möglichkeiten, mehr zu erreichen, noch nicht ausgeschöpft sind. Ich schloss meine Ausbildung ab und schrieb mich infolgedessen für die Berufsoberschule ein.
Für mich sollte nun ein neues Kapitel aufgeschlagen werden. Meine Eltern waren zunächst wenig begeistert, da sie einer Gesellschaft entspringen, die ertragsreich-orientierte Ansichten vertritt. Dabei sind bezahlte Arbeiten oder Lehren gemeint.


Trotz meiner unglücklichen Schulzeit hatte ich die Fehler immer wieder in mir und bei mir gesucht und baute mir so eine gewisse Mentalität auf. Sie lautete: „Ich bin verantwortlich für mich! Ich kann, wenn ich will!“. Mit diesem Mantra ausgestattet wollte ich meinen Eltern die Skepsis nehmen.
So habe ich mich, mit erneut geschöpfter Motivation, an das Abitur auf der BOS in Erlangen gemacht. Durch den ca. 4-jährigen Abstand zum gewöhnlichen Schulalltag, durch meine 3,5-jährige Ausbildung, habe ich mir bewusst machen können, dass ich nicht von alten Erlebnissen oder Gefühlen gegenüber der Schule geleitet sein sollte, sondern einen Schlussstrich ziehen und mich zielorientiert auf meine Zukunft fokussieren muss. Mir war es, daher von Anfang als Ziel gesetzt, ungleich der früheren Schulzeit, eine Schlüsselfigur an meiner Schule zu sein. Mir war die Nähe zu meinen Mitschülern, aber auch die Kommunikation zum Lehrerkollegium wichtig. Ich habe mich, aufgrund meiner damaligen schulischen Erfahrungen, dazu berufen gefühlt für meine Mitschüler eine Vorbildfunktion und ein Sprachrohr zu den Lehrkräften zu sein. Daher habe ich mit großer Freude das Amt des Klassensprechers und schließlich des Schülersprechers angenommen. In dieser Rolle bin ich besonders aufgegangen, da ich einerseits bei schülerbetreffenden Entscheidungen mitwirken konnte und andererseits einen guten Einblick in die Schulpolitik haben durfte.


Meine schulischen Leistungen hoben sich im Vergleich zu früheren Leistungen sehr, wobei ich weiterhin mit großen Konzentrationsschwierigkeiten zu kämpfen hatte.
Letztlich habe ich mein Abitur innerhalb eines Schuljahres erfolgreich und mit Würdigung bestanden. Hier ist zu sagen, dass für diese schulischen Leistungen hauptsächlich meine Disziplin und meine Einstellung gegenüber der Schule ausschlaggebend war. Zum ersten Mal war die Schule kein schlechter Ort. Ich hatte einzig und allein selbst entschieden anders zu agieren und mich anders zu verhalten. Ich konnte mit viel Schweiß und Eifer mich dahin kämpfen, wo mich keine frühere Lehrkraft gesehen hätte. Ich war das erste Mal im Leben wirklich stolz auf mich. Weder meine Eltern, noch sonst irgendjemand hatte Einfluss auf mich. Ich war das ganz allein!


Durch die BOS konnte ich meine Affinität im technischen Bereich weiterausbauen und schrieb mich folgerichtig in den Bachelorstudiengang Medizintechnik (Ingenieurswesen) ein.
Durch anhaltende Konzentrationsschwierigkeiten musste ich einen Neurologen aufsuchen, welcher relativ schnell ADHS diagnostizieren konnte. Dies war offenbar der Auslöser für die ganzen Verhaltensauffälligkeiten in der frühen Schulzeit.


Gerade befinde ich mich im 5. Semester und ich habe auch die Erfolge an der Hochschule nicht lange auf sich warten lassen. Ich kriege seit Beginn des Studiums Empfehlungsschreiben und Gutachten für Stipendien von verschiedenen Professoren. Auch meine Leistungen sind gut, sodass ich mich für einen Werkstudentenplatz am renommierten Fraunhofer Institut bemühen konnte. In Praktika habe ich ebenfalls Erfolg. Dort kam ein Praktikumsleiter auf mich zu, um mich gezielt für sein eigenes Ingenieursunternehmen abzuwerben.
Mir ist durchaus bewusst, dass nicht jeder Mensch gleich ist und nicht gleiche Möglichkeiten besitzt. Dennoch bin ich der festen Auffassung, dass man alles schaffen kann, wenn man es möchte. Denn der richtige Wille lässt keine Mühe scheuen um die eigenen Ziele zu erreichen. Ich wollte das alles schaffen und ich habe es bis hierhin geschafft. Für mich war nicht alles einfach, aber es war es mir Wert das alles auf mich zu nehmen. Der Gedanke dies alles für mich zu tun und dabei meine Eltern stolz zu machen ist für mich eines der größten Erfolge in meinem Leben. Ihre Flucht aus Afghanistan sollte Früchte tragen und nicht umsonst gewesen sein.