Flucht 1945 aus Polen

Von Gustav Adolf Selig

Migration, Vertreibung und Flucht gibt es seit Anbeginn der Menschheit. Von der ersten Vertreibung berichtet die Bibel, Adam und Eva wurden aus dem Paradies vertrieben. Der neugeborene Jesus musste nach Ägypten fliehen, weil König Herodes ihn töten wollte.

Auch die Neugier, Abenteuerlust, Krieg, Seuchen und Naturkatastrophen ließen Menschen ihre Heimat verlassen um weit weg ein neues Leben zu beginnen. Oft hatte dies wiederum zur Folge, dass nach der Ankunft die einheimische Bevölkerung unterdrückt, vertrieben, oder gar ausgerottet wurde.

Am 1. September 1939 überfiel das nationalsozialistische Deutschland Polen, ein grausamer Krieg mit Millionen Toten begann. Die Hauptstadt Warschau war ein menschenleerer Trümmerhaufen. Das gute Miteinander fand ein abruptes Ende.

Die ansässigen Deutschen wurden angefeindet und verfolgt. In dem Dorf, in dem wir wohnten, wurden eines nachts alle deutschen Männer in den Wald zusammengetrieben und sollten dort von den einheimischen Polen erschossen werden. Unser Vater war auch dabei. Da meldete sich ein einheimischer Pole und sagte über unseren Vater: „Der nicht! Der soll nicht erschossen werden. Der war immer gut zu uns!“
So wurde unser Vater verschont und konnte später mit der Familie die Flucht antreten.

In den ersten Tagen 1945 war das Kanonendonnern immer lauter zu hören, die Front kam näher, die Menschen fingen an, sich auf die Flucht nach Deutschland vorzubereiten, man hörte die Parole: „Heim ins Reich“. Unsere Mutter hatte große Angst mit 4 kleinen Kindern im Alter von 6, 4, 3 und 2 Jahren alleine fliehen zu müssen, der Vater war zur Armee eingezogen worden. Ihr großes Gottvertrauen und ihre Gebete erfüllten sich.

Auf den Tag genau an meinem 2. Geburtstag, am 15.12.1944, erhielt Vater den Entlassungsschein der Wehrmacht, er wurde als wehruntauglich entlassen, weil seine Lungenkrankheit aus der Kindheit entdeckt wurde. Er hat nur noch einen Lungenflügel und ist somit nicht belastbar. Eine göttliche Fügung, die Familie konnte gemeinsam zusammenpacken. Von dem kleinen Bauernhof, den meine Eltern seit vielen Generationen bewirtschafteten, konnten wir so gut wie nichts retten. Das ungewöhnlichste Gepäckstück war eine große Milchkanne von ca. 20 Liter, die mit Schweineschmalz gefüllt wurde, denn magere Zeiten standen bevor.

Nun ade du mein unbekanntes Heimatland, bevor ich dich kennen lernen konnte, musste ich dich schon wieder verlassen. Auf, in eine neue Heimat, es werden noch weitere folgen.
Die Flucht begann höchst abenteuerlich, mit dem Allerwichtigsten auf einem Pferdewagen durch tiefen Schnee ging es Richtung Westen. Der Krieg war noch nicht vorbei und alle hatten große Angst vor den todbringenden Tieffliegern und vor den herannahenden Soldaten der Roten Armee. In diesem eisigen Winter starben aber auch viele Menschen an den Folgen von Hunger, Kälte und Erschöpfung.


Als wir im 200 km entfernten Gaudenz ankamen, mussten wir die zugefrorene Weichsel überqueren, denn die Brücke war gesprengt. Das Eis war nicht überall dick genug und einige haben das andere Ufer nicht erreicht. Am Bahnhof durften wir Hab und Gut in einen Güterwagen umladen, mit dem die Reise weitergehen sollte. Die Pferde und den Leiterwagen ließen wir zurück, jemand wird sich bestimmt darüber freuen.

Nach 50 Tagen und über 1.100 km kamen wir schließlich nach Niederbayern, in ein winziges Bauerndorf, unsere neue Heimat!?
Wir waren 10 Familien und über 30 Personen, die im Gasthaus Bergmüller einquartiert wurden. Mit fünf der Familien waren wir eng, mit anderen entfernt verwandt.


Das „Fremdenzimmer“ war der Tanzboden des Gasthauses. In diesem großen Saal lebten alle zusammen ohne jegliche Privatsphäre. Aber immerhin, wir hatten ein Dach über dem Kopf, einen großen Ofen, der uns wärmte und auf dem alle ihr Essen kochten. Auf so engem Raum wurde viel über das Erlebte gesprochen. Noch heute klingt es in meinen Ohren: „Nie wieder Krieg“.